018 – „Muster“ von Armin Nassehi

Es scheint so, als hätten wir gerade einen kleinen Digitalisierungs-Run. Nachdem Christoph in den letzten Monaten schon Roboterethik von Janina Loh und Hello World von Hannah Fry vorgestellt hat, widmet sich Nils heute der gesellschaftstheoretischen Seite der Digitalisierung mit dem Buch Muster von Armin Nassehi.

Darin zeigt der Autor auf, warum Digitalisierung nicht einfach nur ein weiteres Phänomen in der Gesellschaft ist, sondern an deren Grundstruktur ansetzt. Für ihn steht dabei im Mittelpunkt, dass die Analyse großer Datenmengen in der Lage ist, latente soziale Strukturen sichtbar zu machen und damit Gesellschaft im Grunde erst zu entdecken. Außerdem zeigt er, dass diese Datenmengen nicht die „reale“ Welt beschreiben, sondern eine eigenständige Verdopplung erzeugen, die in der Lage ist, nahezu unendliche Komplexität zu verarbeiten – allerdings nicht ohne Nebenwirkungen.

Shownotes

Armin Nassehi

Funktionale Differenzierung

Bürgerrechtsbewegung

Frauenwahlrecht

Sozialstatistik

Edmund Husserl

Martin Heidegger

Kybernetik

Systemtheorie

Informationelle Selbstbestimmung

Overfitting

Max Weber

Chris Anderson: The End of Theory

Jacques Derrida

Alexander Graf: Plattformökonomie bedeutet den Zugang zum Kunden zu verkaufen

Werner Rammert

Pierre Bourdieu

Mehr Lesestoff

Im Rausch der Jahre von Walburga Hülk

Zeit der Zauberer von Wolfram Eilenberger

Schriften zur Pädagogik von Niklas Luhmann

1Q84 von Haruki Murakami

Hard-boiled Wonderland und das Ende der Welt von Haruki Murakami

Die Granulare Gesellschaft von Christoph Kucklick (Blogpost von Nils)

Unsichtbare Frauen von Caroline Criado-Perez

Wie weiter mit Niklas Luhmann? von Armin Nassehi

Das Café der Existenzialisten von Sarah Bakewell

Warum haben Sie keinen Fernseher, Herr Luhmann? hrsg. von Wolfgang Hagen

Politik. Schriften zur Politischen Ökonomie 2 von Pierre Bourdieu

Zwischen zwei Deckeln: Hello World Von Hannah Fry

Zwischen zwei Deckeln: Roboterethik von Janina Loh

Zwischen zwei Deckeln: Das metrische Wir von Steffen Mau

Zwischen zwei Deckeln: Objektivität von Lorraine Daston & Peter Gallison

Podcast: Land of the Giants

Podcast: Prof. Ada Palmer on Pandemics, Progress, History, Teleology and the Singularity (Teil 1), Ada Palmer on Viking Ethics, Laws of History, Partial Victories, and Terra Ignota (Teil 2)

Radiofeature: Das Geld der anderen. Ein Einkommensexperiment (DLF Feature)

Quellen und so

  • Intro und Outro der Episode stammen aus dem Stück Maxixe von Agustin Barrios Mangore, eingespielt von Edson Lopes (CC-BY).
  • Das Umblättern zwischen den Teilen des Podcasts kommt hingegen von hoerspielbox.de.
  • Intro und Outro der Episode stammen aus dem Stück Maxixe von Agustin Barrios Mangore, eingespielt von Edson Lopes (CC-BY).
  • Das Umblättern zwischen den Teilen des Podcasts kommt hingegen von hoerspielbox.de.

Verfasst von:

4 Kommentare

  1. Martin
    10. Juli 2020
    Antworten

    Hi ihr beiden,

    vielen Dank für euren Podcast und die Folge »018 – “Muster” von Armin Nassehi« auf die ich Bezug nehme. Nils führte aus, dass Nassehi (und er selbst) dieses Grundrecht für Unsinn halte, weil die Bedeutung von Informationen bei der Empfängerin läge und sich der Sinn und Wert auch nur durch diese bestimmt werde.

    Diese Einschätzung halte ich für falsch, weil das BVerfG, als es das Grundrecht auf Informationelle Selbstbestimmung mit dem sogenannten Volkszählungsurteils von 1983 schuf (https://www.bundesverfassungsgericht.de/SharedDocs/Entscheidungen/DE/1983/12/rs19831215_1bvr020983.html), schon vorausblickend den folgenden ersten Leitsatz formulierte:

    „Unter den Bedingungen der modernen Datenverarbeitung wird der Schutz des Einzelnen gegen unbegrenzte Erhebung, Speicherung, Verwendung und Weitergabe seiner persönlichen Daten von dem allgemeinen Persönlichkeitsrecht des GG Art 2 Abs. 1 in Verbindung mit GG Art 1 Abs. 1 umfaßt. Das Grundrecht gewährleistet insoweit die Befugnis des Einzelnen, grundsätzlich selbst über die Preisgabe und Verwendung seiner persönlichen Daten zu bestimmen.“

    Dabei möchte ich das Wort „unbegrenzt“ betonen und die Tatsache, dass es ja nicht nur um die Preisgabe, sondern eben auch um die Verwendung geht. Ich verstehe das so: Selbst wenn personenbezogene Informationen, beispielsweise im Kontext eines bestimmten Unternehmens, einen gewissen Wert haben könnten, hat jeder Einzelne das Recht über die Umwandlung in einen konkreten Wert zu selbst entscheiden. Es ist doch dann unerheblich, welcher Empfänger der Information welchen Sinn, Wert oder Bedeutung beimisst, wenn er diese nur mit dem Einverständnis des Senders verwerten kann. Ich hoffe es wird verständlich was ich meine. Wie seht ihr das?

    Viele Grüße
    Martin

    • 11. Juli 2020
      Antworten

      Hallo Martin,

      danke dir für deinen Kommentar. Rechtlich gesehen ist das natürlich mittlerweile eine relevante Kategorie, aber ich würde Nassehi aus zwei Gründen weiterhin zustimmen: Das Zitat aus dem Leitsatz spricht nicht ohne Grund von „Daten“, nicht von „Informationen“. Das ist ein gewaltiger Unterschied – einfach gesagt Informationen = Daten + Bedeutung. Dann ist der Begriff „informationelle Selbstbestimmung“ schlecht gewählt, weil es eigentlich um Daten geht und eben nicht um Informationen.

      Und zweitens ist das im Grunde absolut nichts Neues: Wenn ich mit abgerissenen Klamotten ein Nobel-Lokal betrete, kann ich das Lokal auch nicht verpflichten, das Datum „abgeranzte Klamotten“ bitte zu ignorieren und es nicht in einen Wert (= „den lassen wir nicht rein“) umzusetzen. Den Wechsel von Privatheit 1.0 zu Privatheit 2.0 beschreibt Nassehi auch ein wenig ausführlicher, was ich jetzt hier leider nicht komplett ausführen kann.

  2. Eldhoverd
    26. Oktober 2022
    Antworten

    Mae govannen.
    Folgend spricht zum Thema Armin Nassehi selbst – DLFNova-Hörsaal als Mitschnitt eines Vortrags, den er im Sommer in Frankfurt hielt:
    Welches Problem löst die Digitalisierung? Neben 42 auch noch Komplexität:)
    https://www.deutschlandfunknova.de/beitrag/soziologe-armin-nassehi-digitalisierung-kann-das-problem-der-komplexitaet-loesen
    MP3-Direktlink
    https://podcast-mp3.dradio.de/podcast/2022/10/20/deutschlandfunknova_welches_problem_loest_die_20221020_7d725d77.mp3

    Nassehi redet mit dem Publikum, vor allem einem Hartmut, der aber wohl nicht Rosa ist. Dadurch ist der Vortrag lockerer, evtl. aber dafür nicht ganz so auf den Punkt. Dennoch in seinen Worten sehr interessant, wie er in systemtheoretischer Distanznahme sich nicht von der technophilen oder -phoben Woge mitreißen lässt, sondern zunächst einmal gründlicht echolotet, welchen Ozean man da eigentlich befährt – und welchen Sinn es haben soll, Segel zu hissen.

    Ich lese bloß 30 Jahre/eine Generation danach Neil Postmans DAS TECHNOPOL
    https://medienstil.bankstil.de/das-technopol-neil-postman
    Unter dessen, wie man sagen könnte, stahlhartes Gehäuse die USA diagnostiziertermaßen damals jüngst getreten sei. Damit sei ein nächstes Zeitalter nach dem „technokratischen“ und dem menschheitslängsten Zeitalter der Werkzeuge angebrochen. Und er hatte Digitalität im Grunde noch überhaupt nicht auf dem Schirm, geschweige denn auch nur halb so verbreitet wie seit 15 Jahren – seitdem die „Optionsmaschinen“ aka Smartphones in die Hände gerieten und die Welt neuformierten
    https://www.heise.de/tp/features/Optionsmaschinen-und-die-Formatierung-der-Welt-5005619.html?view=print
    Lese Postmans kritische, für manche wohl auch: kulturkritische Einwände mit Nassehis Problemlösungsdiagnose im Kopf, wofür man den ganzen Kappes überhaupt auf sich nimmt, obwohl es doch seinerseits wieder Probleme en masse erzeugt, die mittels Apps zu pflastern sind.
    Die Lösungsversprechen, die Welt besser denn je (durch)mustern zu können, sind zu verheißend, um sie nicht auszuprobieren. Und wenn man mal dabei ist, wird’s eben schnell pfadabhängig.
    Das digitale Technopol autopoetisiert sich durch Die letzte Frage, worauf die vorwärtsweisende Antwort stets lautet: „Es liegen keine ausreichenden Daten für eine sinnvolle Antwort vor.“
    https://de.wikipedia.org/wiki/Wenn_die_Sterne_verl%C3%B6schen
    😉
    Daher die nächstbeste Technik erfunden, die mehr Daten (Informationen?) erfassen kann, um auf besserer Basis zu durchmustern. Wann ist das Muster vollständig? Nichtwissen hierauf die einzige Antwort.

    Gruß
    Dominic

  3. Eldhoverd
    13. November 2022
    Antworten

    Gegrüßt nochmal.
    Wenn die Digitalität der/EIN Lösungsversuch für das Problem ist, die Welt besser denn je durchmustern und Muster erstellen zu können, dann ändern sich die Muster durch die lösungssuchende Anwendung der Digitalität allerdings: das Digitale frisst massenhaft Energie und das – voraussichtlich, angesichts des anvisiert Kommenden – stetig immer mehr. Tilman Santarius hierzu im ZEIT-Interview, womit er den vermeintlichen Problemlöser Digitalität seinerseits problematisiert
    https://www.zeit.de/kultur/2022-11/tilman-santarius-digitalisierung-klimaschutz-nachhaltigkeit/komplettansicht
    Passend dazu bei DLF-Wissenschaft im Brennpunkt: „Energiebedarf der Digitalisierung – Droht der Stromkollaps durchs Internet?“
    https://www.deutschlandfunk.de/stromverbrauch-digitalisierung-internet-bitcoin-rechenzentren-abwaerme-100.html
    Anzunehmen, dass Homo sapiens es da auch bloß bis zum Rebound-Effekt bringt und eh zu oft nur homöopathische Maßnahmen so zum Greenwashing verkommen lässt.
    Wenn Digitalisierung (auch politisch) zum beschlagworteten Selbstzweck wird und die soziotechnischen Verheißungen multioptionsgesellschaftlich sirenenhaft bezirzend locken, fällt weniger davon … schwer.
    Selbsteingeständnis, dass ich seit Corona mehr denn je (von nahezu Nullniveau) Dokus lade, das per mediathekviewweb.de zwar nicht im Stream, sondern als eine kompakte MP4 in auch nur niedriger Auflösung… Aber da kommen trotzdem schnellstens Gigabytes zusammen, wenn – beispielsweise – die Terra X-Reihe UNSERE KONTINENTE, ganz aktuell der Vierteiler WM DER SCHANDE und kaum mitzählig viel mehr inhaltsvoll und vielfach bereichernd eben doch geladen wird. Dort im Vergleich zum Stream in höchster Auflösung gespart, ja, aber haltso wie man spart, wenn man dem Kaufreiz nachgibt, weil es XYZ jetzt für 10% günstiger gibt, nur deshalb man überhaupt zuschlägt, wo man sonst das Geld bei sich gelassen hätte.
    Dieses Konsumsparen, das verdammt hohe Nebenkosten erzeugt. Und so auch in der digitalen Welt, die immer bandbreitengefräßiger audiovisualisiert wird.
    Rechenzentren können sogar CO2-negativ werden, heißt es
    https://www.ndr.de/nachrichten/info/8-Wie-ein-Rechenzentrum-CO2-negativ-wird,audio1029514.html
    Dafür gibts es in Kürze aber doppelt so viele von ihnen O_o
    Labyrinthisch…

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